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Wände fordern ist verkehrt!
Wände fordern ist verkehrt!
Obwohl der letzte Nofitti-Kongress schon eine Weile her ist, gibt es
weiterhin genug gute Gründe und Anlässe um gegen Sauberkeitswahn,
profilneurotische Graffitihasser und eine zunehmende Kriminalisierung
und Verfolgung von MalerInnen auf die Straße zu gehen. Bei Graffiti und
Streetart in Berlin lassen sich zwei Entwicklungen beobachten: Einerseits
gibt es eine hohe Aktivität der Szene und eine sehr kreative Dynamik ihrer
Ausdrucksformen. Berlin ist eine große Spielwiese für alle, die Kunst
und/oder Namedropping auf die Straße bringen wollen. Farbe bestimmt
das Bild eines Großteils der Stadt. Die Orte und Möglichkeiten,
Graffiti und Streetart Ausdruck zu verleihen, sind vergleichsweise
noch so vielfältig und zahlreich, dass selbst die New York Times
die Berliner Zustände mit dem New York der 70er Jahre vergleicht.
Andererseits hält sich der gesellschaftliche Hass auf MalerInnen und
Streetart-AktivistInnen auf gewohnt hohem Niveau und entwickelt dabei
immer subtilere Spielarten: So forderte ein südamerikanischer Bürgermeister,
allen SprüherInnen die Daumen abzuhacken damit sie keine Cans mehr
halten können, und in Berlin werden sie mit Hubschraubern und anderem
technischen Kontrollmöglichkeiten gejagt, als ob sie Schwerverbrecher wären.
In einer Gesellschaft, in der Eigentum, Konformität und die Ablehnung
von Allem, was aus der Reihe tanzt, zu den bestimmenden Faktoren gehören,
hat Graffiti einen schweren Stand. Zwar entstehen in einem Klima von
Anpassungsdruck, Ausbeutung und Unterdrückung erst bestimmte Formen
von Auflehnung, dem Wunsch, sich selbst und seiner Kreativität Ausdruck zu verleihen und der Einsicht in die Notwendigkeit, die vorgegeben Spielregeln nicht mehr mitspielen zu wollen.
Zwar wird Graffiti zunehmend kommerzialisiert und kaum ein Klamottenlabel
oder Musikvideo-Produzent hat noch nicht mit einer gewissen Graffitiästhetik
gearbeitet. Dennoch bleibt das Spektrum der Graffitigegner groß: AktivbürgerInnen,
Parteien, Medien, Wohnungsbaugesellschaften und Graffitientfernungsbetriebe machen
gegen die Stadtverschönerung mobil. Mit noch größerem finanziellem, personellem
und technischem Aufwand soll jegliche Dosenentleerung verhindert werden
und der öffentliche Raum, um den es ja letztendlich geht, klinisch rein bleiben.
Die Forderung nach ein paar neuen legalen Wänden geht leider am Kern des
Problems vorbei. Die Frage ist und bleibt, wer den öffentlichen Raum,
also S&U-Bahnen, anonyme Straßenzüge, die offiziell irgendwelchen
Wohnungsbaugesellschaften gehören, gestalten darf. In einer Gesellschaft
in der Eigentum und Profit immer noch wichtiger sind, als die Menschen
die in ihr leben, nimmt Graffiti automatisch eine Aussenseiterrolle ein,
da es sich den öffentlichen Raum ohne zu fragen aneignet und somit, ob
man will oder nicht, die gesellschaftlichen Eigentumsverhältnisse in Frage stellt.
Denn Fakt ist ja: Uns hat auch keiner gefragt, ob die U-Bahn gelb sein soll!